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Corona: Bremse oder Beschleuniger?

Verwaltung

Stadt-Gespräche - Folge 38

In den Stadt-Gesprächen reden wir, vom städtischen Start-up ShiftDigital, mit Mitarbeiter:innen aus der Verwaltung über Digitalisierung, E-Government und New Work. In dieser Folge berichten Michaela Claas und Jasmin Wiemers-Krüger, wie sie die Auswirkungen von Corona auf die Arbeit in der Verwaltung wahrgenommen haben und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Nina da Costa: Wie habt ihr die letzten Monate erlebt? Was war besonders schwer für die Verwaltung und euren Arbeitsalltag, und wo habt ihr vielleicht auch neues Potenzial entdeckt oder Dinge ausprobiert, die euch Spaß gemacht haben? 

Jasmin: Da habe ich eigentlich schon beschlossen, der positiven Seite des Lockdowns und von Corona mehr Gewicht beizumessen als allem anderen. Das alles hat einen immensen Schub für Themen wie digitales Arbeiten und Home Office gegeben, und für die Frage, wie wir miteinander arbeiten wollen. Aber es wurde natürlich nicht entwickelt, sondern aufgedrückt. Es war ein schwieriges Konstrukt: auf einmal darf man nicht mehr ins Büro kommen, muss aber weiterarbeiten - manche können das so gar nicht, dürfen trotzdem nicht kommen, andere sind ganz für einen anderen Bereich abgestellt. Unseren Teil der Arbeit, den Kulturwandelprozess, hat es schon ziemlich ausgebremst, weil der ja von Austausch, Treffen und Vernetzung lebt. Da mussten wir ziemlich herunterfahren. Wobei ich nach wie vor unglaublich dankbar bin, diese Arbeitsstelle zu haben, weil diese Sorge hatten wir natürlich in der Verwaltung nicht: wir hatten und haben einen sicheren Arbeitsplatz. 

Michaela Claas: Vorher wurde immer gesagt, dass es gar nicht geht, dass so viele Menschen gleichzeitig im Home Office arbeiten, weil man “die ganze Kontrolle über die Menschen verliert”. Führungskräfte müssten jetzt feststellen: es geht doch, und es geht auch zu großen Anteilen richtig gut. Wenn wir das nicht beibehalten würden, wäre das eine riesige Schande, weil viele daraus sehr viel ziehen können. Ich glaube aber, dass der Trend nicht mehr aufzuhalten ist und viele auch weiterhin im Home Office arbeiten werden. Die Dienstvereinbarung wird gerade überarbeitet und nicht mehr "Teleheimarbeit", sondern "mobiles Arbeiten" heißen. Das wird viel mehr Freiheiten bedeuten, und natürlich eine neue Herausforderung für Führungskräfte werden: wie halte ich trotzdem Kontakt zu den Menschen? Da wird es auch an uns sein zu gucken, welche Unterstützungsformate die Führungskräfte brauchen.

Jasmin: Wobei ich die Herausforderung auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehe, denn auch sie verlieren den Kontakt. Ich habe das selbst gemerkt, als ich im April vier Wochen komplett vom Home Office aus arbeiten sollte. Ich konnte konzentriert und dank unserer Software und Hardware super arbeiten, habe aber auch gemerkt, dass irgendwann der Austausch und die Vernetzung fehlen. All das, was ich im Rathaus jeden Tag erlebe und mit Kolleg:innen zwischen Tür und Angel austausche, fällt weg. Also Mitarbeiterführung ist eine Seite, aber wir müssen auch die Vernetzung untereinander und alles, was die Arbeit vor Ort so aktiv macht, gut organisieren, auffangen und neu regeln. Natürlich sehen wir die Arbeitsbelastung auch, das ist ja keine Frage. Und ich lasse mir auch nie wieder sagen, dass die Verwaltung in der Zeit nicht gearbeitet hätte, weil das schlicht eine Lüge ist. 

Michaela: Das stimmt. 

Jasmin: Aber ich sehe inzwischen doch mehr die Vorteile für die Verwaltung als die Nachteile. Michaela, du warst ja auch zwei oder drei Monate komplett im Gesundheitsamt abgeordnet. Diese Umorganisation, dass sich Teams schnell neu finden und organisieren müssen, hat auch die agile Arbeit befeuert. 

Michaela: Das ist total richtig. Wir waren aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammengewürfelt und wussten gar nicht, was auf uns zukommt. Und dass wir es trotzdem geschafft haben, uns innerhalb kürzester Zeit als ein Team zu fühlen, fand ich grandios. Jede und jeder Einzelne hat wirklich für das Team gearbeitet, für die Stadt Bochum und die Bürgerinnen und Bürger. Das war unglaublich. 

Nina: Und das wünscht man sich dann auch für die Zukunft - ohne Krise. 

Jasmin: Dieser Grundgedanke, dass man etwas tut, weil es anderen nützt und der Sache hilft... Ich glaube, manchmal geht verloren, wofür man den Job eigentlich macht, wenn man ihn schon zwanzig Jahre lang macht. Ich hoffe aber, dass dieser Gedanke bestehen bleibt. 

Nina: Kommen wir zu einem kleinen Gedankenexperiment: Eine gute Fee gibt jeder von euch einen Wunsch frei, den ihr dazu einsetzen könnt, die Verwaltung so zu gestalten, wie ihr sie gerne hättet. Was würdet ihr euch wünschen? 

Michaela: Wenn alle ein wenig den Gedanken im Herzen tragen würden: was kann ich dazu beitragen, dass die Aufgabe, die gerade ansteht, bestmöglich gemeistert werden kann? Dann wäre schon viel gewonnen. 

Jasmin: Ich glaube, das wäre auch bei mir der Punkt: diese positiv-optimistische Einstellung. Wenn die im Kontakt Richtung Bürger:in vorherrschen würde, aber auch untereinander, völlig unabhängig von Zuständigkeiten, Silo-Denken und Dezernaten, dann würde das vieles einfacher machen. Wobei eine Verwaltung ja ein Querschnitt von vielen verschiedenen Leuten ist - da ist klar, dass nicht jeder ein Optimist ist. Aber es ist ja ein Gute-Fee-Wunsch (lacht). 

Nina: Was sind typische Einstellungen oder Reaktionen, die euch in der Verwaltung im Kontext von Veränderung begegnen? 

Jasmin: Wenn ich die drei typischsten Reaktionen nennen müsste, wäre das zum Einen: "Soll ich das noch obendrauf machen oder kriege ich dafür irgendetwas anderes aus meinem Bereich abgenommen? Ich bin sowieso schon ausgelastet." Das Zweite: "Wozu nützt mir das? Was kann ich damit schneller machen?" Also sofort die Zweckfrage. Und dann hast du auch oft die Leute, die sagen: "Oh super, das mache ich. Mal gucken, wie ich hinterher die anderen überzeuge, die keinen Bock haben." Das sind für mich die drei Standardantworten aus der ganzen Palette, die es so gibt. 

Michaela: Da gebe ich dir absolut Recht. Natürlich gibt es immer noch "das haben wir immer schon so gemacht". Die werden aber weniger, habe ich den Eindruck.

Jasmin: Die Lust auf Neues wächst, weil man merkt, dass es sich irgendwann auszahlt. Jeder der sagt, eine Veränderung wäre nicht erstmal Mehrarbeit, lügt. Natürlich ist es das - für einen selbst, und es ist auch ein Kraftakt, das ins Team zu tragen. Aber es kommt der Punkt, an dem man merkt, dass es auch etwas bringt.

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